AustrianStartups
Offener Brief · Justizministerium

Freie Sitzwahl für die EU Inc. sichern.

Ein offener Brief von Organisationen und Stimmen aus Wirtschaft, Praxis und Lehre an Bundesministerin Dr. Sporrer.

OpenLetter2026

Empfängerin

Frau Bundesministerin Dr. Anna Sporrer
Bundesministerium für Justiz, Wien

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Dr. Sporrer,

mit diesem offenen Brief wenden sich die unterzeichnenden Organisationen und Stimmen aus Wirtschaft, Praxis und Lehre in einer entscheidenden Phase der Verhandlungen zur EU Inc. an Sie.

Wir ersuchen Sie, sich auf europäischer Ebene für die praxisnahe Umsetzung des Kommissionsentwurfs vom 18. März 2026 einzusetzen.

Europa steht in einem zunehmend intensiven globalen Wettbewerb um Talente, Kapital und innovative Unternehmen. Der Draghi-Report¹ hat 2024 klar benannt, was auf dem Spiel steht: Ohne mehr Produktivität und Innovationskraft wird Europa irgendwann zwischen Wohlstand, sozialer Absicherung, Klimaneutralität und geopolitischer Souveränität wählen müssen.

Die EU Inc. ist entscheidend für die Stärkung und Modernisierung des europäischen Gesellschaftsrechts hin zu einem echten Binnenmarkt. Eine gemeinsame Unternehmensform für grenzüberschreitendes Wachstum ist ein notwendiger Schritt, um im Angesicht drängender geopolitischer Herausforderungen zu bestehen. Diese Chance darf nicht vertan werden.²

Für Österreich ist das besonders relevant: Laut Austrian Startup Monitor 2025 erzielen österreichische Startups rund 42 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Ein funktionierender europäischer Unternehmensstandard ist damit keine abstrakte Rechtsfrage, sondern eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit als Gründungsstandort. Dabei ist die Ausgangslage ernüchternd: Die über 60 nationalen Gesellschaftsformen der EU wurden nicht dafür geschaffen, Märkte, Unternehmen und die vier europäischen Grundfreiheiten zu bedienen, sie sind außerhalb eines effizienten Ideenwettbewerbs gewachsen. „Die EU Inc. kann zumindest dieses Problem lösen."

Die EU Inc. ist einer der konkreten Hebel, um diesen Rahmen zu schaffen: Gründung in 48 Stunden, gültig in allen 27 Mitgliedstaaten, ohne Mindestkapital. Der Vorschlag kann funktionieren, aber nur, wenn die Architektur nicht durch das Lobbying nationaler Partikularinteressen ausgehöhlt wird.

Freie Sitzwahl ist die Voraussetzung

Von einigen wird kritisiert, dass der Sitz des Registerstaates frei gewählt werden kann. Dieser Kritik ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht zu folgen und wir möchten betonen, dass viele Stakeholder diese europäische Freiheit begrüßen und dringend benötigen.

Die österreichische Wirtschaft und Wachstumsindustrien profitieren besonders von einem echten europäischen Binnenmarkt und haben kein Interesse daran, dass die freie Sitzwahl von Vertretern Österreichs in den Ratsverhandlungen kritisiert wird.

Im Gegenteil: dann würde drohen, dass anstatt eines echten europäischen Standards 27 nationale Varianten unter gemeinsamem Namen auftreten. Holdingstrukturen außerhalb der EU, heute bereits Realität, wenn österreichische Startups für ihre Skalierung eine „Delaware Inc." gründen, blieben die naheliegende Option. Der Abgang von wachsenden Unternehmen aus Österreich und der EU würde fortgesetzt werden.

„Freie Sitzwahl ist kein Schlupfloch, sondern das Fundament eines funktionierenden europäischen Standards. Wenn Gründerinnen und Gründer zwar ein gemeinsames Label bekommen, aber de facto wieder 27 unterschiedliche Einstiegspunkte vorfinden, verfehlt die EU Inc. einen wesentlichen Teil ihres Ziels."
— Hannah Wundsam, CEO von AustrianStartups

Die bereits im Zuge des GesRÄG 2023 widerlegten Einwände überzeugen immer noch nicht: Geldwäschebekämpfung hängt nicht am Ort des Firmenbuchauszugs, sondern an Transparenzpflichten, KYC/AML-Standards und einem gut geführten, einheitlichen EU-Register. Die EU Inc. bietet die Chance, diese EU-weit zu harmonisieren und zu stärken. Und Arbeitsrecht, Löhne, Kollektivverträge und Sozialversicherung folgen dem Arbeitsort, nicht dem Registersitz. Das gilt schon heute für ausländische Gesellschaften mit österreichischen Betrieben und ändert sich durch die EU Inc. nicht. Wer unsere Sozialsysteme langfristig finanzieren will, braucht genau jene innovativen Unternehmen, die die EU Inc. in Europa halten soll.

Unsere Empfehlung

Wir ersuchen Sie, sich in den laufenden Verhandlungen für drei Punkte einzusetzen:

  1. Erstensmuss die freie Wahl des Registrierungssitzes innerhalb der EU gewahrt bleiben, abgesichert durch ein strenges Nicht-Diskriminierungsprinzip, das auch indirekte Benachteiligungen über Förderbedingungen oder zusätzliche Auflagen verhindert.
  2. Zweitenssoll die EU Inc. für alle Unternehmen offen sein, ohne Größenbeschränkungen oder Umsatzgrenzen. Wer Innovation auf Startups und Scaleups einengt, überlässt die Definition von Wachstum der Politik statt dem Markt. Gründerinnen und Gründer sollen selbst entscheiden, welche Unternehmensform zu ihnen passt.
  3. Drittensbraucht die EU Inc. ein zentrales digitales Register mit starker KYC/AML- und UBO-Durchsetzung, vollständig digitaler Gründung in 48 Stunden und der Möglichkeit, in einem Schritt ein Geschäftskonto zu eröffnen. Genau diese Architektur macht Geldwäscheprävention effizienter als in den heute fragmentierten nationalen Systemen.

Wir ersuchen Sie, sich für den Kommissionsentwurf und eine starke und moderne Ausgestaltung der EU Inc. einzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen,

  • Hannah Wundsam

    CEO AustrianStartups

  • Andreas Klinger

    Initiator EU-INC

  • Keyvan Rastegar

    RPCK Rastegar Pancha

  • Oliver Holle

    Managing Partner & Gründer Speedinvest

  • Hans Harrer

    Vorstandsvorsitzender des SENAT DER WIRTSCHAFT Österreich

  • Georg Kopetz

    Mitgründer und CEO der TTTech

  • Johann Hansmann

    Investor, Hans(wo)man Group

  • Kilian Kaminski

    Co-Founder Refurbed

  • Verena Eugster

    Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft

  • Philipp Kinsky

    Herbst Kinsky Rechtsanwälte GmbH

  • Monique Fischer

    Head of Operations, WU Entrepreneurship Center

  • Markus Raunig

    Vorstandsvorsitzer AustrianStartups, Mitglied Startup Rat

  • Rudolf Dömötör

    Direktor & Geschäftsführer, WU Entrepreneurship Center & WU Ignite Ventures

  • Michael Oberhoffner

    Präsident der ScaleUp Association

  • Valentin Krenkel

    Stv. Geschäftsführer, invest.austria – Austrian Association for Private Capital

  • Werner Wutscher

    CEO New Venture Scouting, Mitglied Startup Rat

1 Mario Draghi, The Future of European Competitiveness, Part A, Europäische Kommission, September 2024.

2 Keyvan Rastegar, „EU Inc – European Universities In New Conversations", Oxford Business Law Blog, 11. Juni 2026.

3 aaO.

Stimmen der Mitunterzeichner:innen

Oliver Holle

Managing Partner & Gründer Speedinvest

Die EU-Inc ist für Europa, nicht nur für die Startup-Szene, eine Riesenchance. Umso wichtiger ist es nun, dass dieses Projekt nicht am Weg durch die Mühlen der Umsetzung scheitert. Aus Wagniskapital-Sicht wäre eine maximale Harmonisierung des Unternehmensrechts dringend notwendig und es ist wert, um jede einzelne Stellschraube zu kämpfen. Wir müssen gemeinsam verhindern, dass dieses Projekt zu einem Papiertiger wird, der letztlich nur wieder nationale Fragmentierung einzementiert, denn dies hilft nur den Feinden Europas.

Georg Kopetz

Mitgründer und CEO der TTTECH

Die EU Inc. ist ein wichtiger Schritt, um Europas Innovationskraft gezielt zu stärken. Ein einheitlicher Rechtsrahmen, vollständig digitale Prozesse und die Möglichkeit, Unternehmen innerhalb von 48 Stunden zu gründen, schaffen die Grundlage für mehr Dynamik im Startup-Ökosystem und eine dringend notwendige, leichtere eigenkapitalgetriebene Skalierung im europäischen Binnenmarkt. Für technologieorientierte Unternehmen wie TTTech und unser Netzwerk an Startup-Partnern bedeutet das vor allem: weniger Fragmentierung, schnellere Markteinführung und deutlich besseren Zugang zu Kapital und Talenten – entscheidende Faktoren für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.

Kilian Kaminski

Co-Founder refurbed

Refurbed ist von Anfang an in mehreren europäischen Märkten gleichzeitig gestartet. Was uns dabei gebremst hat, war nicht der Markt, sondern der Rechtsrahmen: unterschiedliche Gesellschaftsformen, unterschiedliche Anforderungen, unterschiedliche Kosten in jedem Land. Die EU Inc. hätte die Skalierung signifikant vereinfacht.

Keyvan Rastegar

Rechtsanwalt & Universitätslektor für Gesellschaftsrecht und Venture Capital

Wir haben im Zuge der vierjährigen Verhandlungen rund um das GesRÄG 2023 gelernt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Stakeholder genau diese Reformen seit Jahrzehnten dringend benötigt. Wir dürfen uns nicht von Partikularinteressen aufhalten lassen. Wenn wir geopolitisch mithalten wollen, müssen wir diese europäischen Lösungen auf dem Weg zu einem echten europäischen Markt auch mittragen, anstatt zu versuchen, sie auszuhöhlen. Die EU Inc. verdient unsere volle Unterstützung.

Andreas Klinger

Investor PROTOTYPE, Co-Initiator EU–INC

Kein europäisches Land ist alleine groß genug, um gegenüber den USA und China wettbewerbsfähig zu sein. Nur paneuropäisch haben unsere Gründer:innen eine Chance. Entweder Österreichs Unternehmer:innen haben in ihrem eigenen Land die Möglichkeit, von den besten Investoren der Welt Geld zu bekommen, oder sie werden dorthin gehen, wo das möglich ist. EU–INC ist der paneuropäische Standard, der die Möglichkeit schafft, auch von Österreich aus Weltführer zu bauen.

Johann (Hansi) Hansmann

Business Angel

Als europäischer Business Angel über Ländergrenzen hinweg zu investieren, ist eine zusätzliche bürokratische Herausforderung, auch Wachstumskapital aus außereuropäischen Ländern tut sich meist schwer mit den unterschiedlichen Rechtsformen. Die EU Inc. ist nicht nur für Gründerinnen und Gründer ein Wachstumsmotor, sondern macht es auch für Investoren leichter zu investieren. Wir müssen alles tun, um Zugang zu Kapital leichter zu machen, und die EU Inc. ist ein wichtiger Baustein dazu.

Verena Eugster

Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft

Gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheiten muss Europa seine größte Stärke nutzen und den Binnenmarkt konsequent vertiefen. Europa kann es sich nicht leisten, im globalen Wettbewerb um Talente, Kapital und Innovation weiter zurückzufallen. Die ‚EU Inc.‘ eröffnet Startups und Scaleups von Beginn an eine europäische Perspektive und ist ein wichtiger Schritt, um den Wirtschaftsstandort Europa nachhaltig zu stärken.

Hans Harrer

Vorstandsvorsitzender des SENAT DER WIRTSCHAFT Österreich

Europa hinkt bei Innovationen hinter den USA und Asien massiv hinterher, nicht weil es bei uns zu wenige Ideen gäbe, sondern weil es neben einem Übermaß an Regulierung und Bürokratie an Früh- bis Spätphasenkapital fehlt. Dies liegt einerseits an unserem System der überwiegend umlagenfinanzierten Altersvorsorge, andererseits an der Fragmentierung unserer Kapitalmärkte mit über 30 Handelsplätzen. Eine Kapitalmarktunion ist längst überfällig; ein wesentlicher Schritt, diese zu ermöglichen, ist die Harmonisierung des Gesellschaftsrechts. Die EU Inc. muss in ihrer geplanten Form, ohne Einschränkungen mit freier Sitzwahl, so schnell wie möglich umgesetzt werden.

Philipp Kinsky

Rechtsanwalt und Business Angel

Ich erlebe täglich die Brüche, die das fragmentierte europäische Gesellschaftsrecht in der Praxis produziert: Investitionen, die an parallelen Registerstrukturen scheitern, Gründerinnen und Gründer, die für ihre erste Finanzierungsrunde eine Delaware Inc. brauchen, weil kein europäisches Vehikel die Anforderungen institutioneller Investoren erfüllt. Die EU Inc. ist die rechtliche Antwort auf ein seit Jahrzehnten bekanntes Strukturproblem. Aus rechtlicher Sicht ist die freie Sitzwahl dabei keine Gefahr, sondern die logische Konsequenz der im AEUV verankerten Niederlassungsfreiheit. Wer das heute als Schlupfloch bezeichnet, negiert jahrzehntelange europäische Rechtsentwicklung. Österreich hat mit dem GesRÄG 2023 bewiesen, dass mutige Reformen im Gesellschaftsrecht möglich sind und von der Praxis getragen werden. Jetzt ist der Moment, diesen Impuls auf europäische Ebene zu heben. Als Investor weiß ich: Kapital fließt dorthin, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn wir wollen, dass die nächsten großen europäischen Unternehmen auch in Österreich gegründet werden können, brauchen wir die EU Inc.

Michael Oberhoffner

Präsident der ScaleUp Association

Gerade für Scaleups bringt die EU Inc. viele dringend notwendige Verbesserungen: den Abbau von Formvorschriften, ein zentrales digitales Register, rasche Gründungen, besseren Zugang zu Investitionen in Europa und Erleichterungen für grenzüberschreitende Aktivitäten. Die Skalierung österreichischer Wachstumsunternehmen erfordert einen freien europäischen Binnenmarkt – wir müssen europäisch denken. Der Kommissionsentwurf der EU Inc. ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Valentin Krenkel

Stv. Geschäftsführer invest.austria – Austrian Association for Private Capital

Die EU Inc. ist kein Nice-to-have, sondern ein zentraler Standortfaktor für Europas Wettbewerbsfähigkeit. Damit europäische und österreichische Wachstumsunternehmen hier gegründet, finanziert und skaliert werden können, müssen grenzüberschreitende Investitionen einfacher, schneller und verlässlicher möglich werden. Heute scheitert Wachstum zu oft an fragmentierten Rechtsformen, parallelen Strukturen und unnötiger Komplexität. Das bremst nicht nur Gründerinnen und Gründer, sondern auch Investorinnen und Investoren, die Kapital effizient in innovative Unternehmen bringen wollen. Gerade aus Sicht des vorbörslichen Kapitalmarkts ist klar: Kapital fließt dorthin, wo Rahmenbedingungen verständlich, anschlussfähig und international wettbewerbsfähig sind. Eine praxistaugliche EU Inc. mit freier Sitzwahl, digitalem Register, klaren KYC- und Transparenzstandards sowie einer vollständig digitalen Gründung kann Vertrauen schaffen, Transaktionskosten senken und privates Wachstumskapital in Europa mobilisieren. Wenn Österreich mehr Scaleups, mehr Innovation und mehr privates Kapital im eigenen Ökosystem halten will, darf die EU Inc. nicht durch nationale Eigenheiten verwässert werden. Europa braucht jetzt einen echten gemeinsamen Standard und nicht 27 Varianten unter neuem Namen.

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